Diese Andacht wurde auf dem Pfingstlager 2019 für die Späher und Kreuzpfadfinder des Berg-Odangaus sowie die Ranger und Rover der teilnehmenden VCP-Stämme gehalten. 

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Der Turmbau zu Babel nach Peter Bruegel d. Ä. aus dem Jahr 1563

Wenn man ein wenig in Genesis herumstöbert, passiert es schnell, dass man eine kurze, aber wesentliche Geschichte überblättert : Den Turmbau zu Babel, dessen Erzählung aus nur 9 Versen sich zwischen verschiedenen Abstammungstafeln versteckt. Es handelt sich hierbei vermutlich um eine der bekanntesten alttestamentlichen Überlieferungen und ein Motiv, das immer wieder in Kunst und Literatur aufgegriffen und neu interpretiert wurde. 

Gewissermaßen ergänzt und vervollständigt diese Erzählung von Gottes Wirken die Schöpfungsgeschichte, die wir einige Kapitel vorher finden. Hier wird berichtet, wie nach Gottes Willen zwei Wesen geschaffen werden, die essentiell gleich sind und sich dennoch unterscheiden, um sich in Gemeinschaft zu ergänzen. Erst in ihrer Einzigartigkeit kommt ihr Wert füreinander zur Geltung. 

Diese Schöpfung offenbart uns bereits, dass Gottes Wille für das Leben Vielfältigkeit ist: Gott schuf nicht alle Menschen identisch, sondern gleichwertig aber einzigartig. Ebenso schuf er diverse Pflanzen und eine Vielzahl an Tierarten, die gemeinsam mit dem Menschen die Sintflut überdauern sollten. Eine bewusste Entscheidung für und eine starke Bejahung von Unterschiedlichkeit seinerseits. 

Es war so, dass die ganze Erde eine einheitliche Sprechweise und übereinstimmende Worte hatte. Da geschah es, als sie von Osten aufbrachen, dass sie eine Ebene im Lande Schinar fanden und sich dort niederließen. Und sie sprachen, ein Mensch zu seinem Mitmenschen: »Wohlan! Wir wollen Lehmziegel ziegeln und im Brand brennen!« Und der Ziegel diente ihnen als Stein, und das Erdpech diente ihnen als Mörtel. Und sie sprachen: »Wohlan! Wir wollen uns Stadt und Turm bauen, und seine Spitze soll himmelhoch sein. So wollen wir uns einen Namen machen, dass wir uns nicht zerstreuen über die ganze Erdfläche!« Da stieg Adonaj hinab, um die Stadt und den Turm zu besehen, die die Menschen bauten. Und Adonaj sprach: »Ja, ein Volk sind sie und eine einheitliche Sprechweise haben sie alle – und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Und nun: Nichts wird ihnen unausführbar bleiben, was immer sie sich zu tun vornehmen. Wohlan! Wir wollen hinabsteigen und dort ihre Rede durcheinander bringen, dass kein Mensch mehr die Rede der Mitmenschen versteht.« Da zerstreute Adonaj sie von dort über die ganze Erdfläche, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Von daher nennt man ihren Namen Babel, ›Durcheinander‹, dort hat ja Adonaj die Sprechweise der ganzen Erde durcheinander gebracht, und von dort hat Adonaj sie über die ganze Erdfläche zerstreut. 

Genesis 11 (Bibel in gerechter Sprache):

Der Begriff „Adonaj“ steht in dieser folgenden Übersetzung an der Stelle des Namen Gottes und bedeutet auf Hebräisch so viel wie „Herr“.

Der Text, auf den sich diese Andacht konzentriert offenbart den Willen Gottes zur Vielfalt erneut und erklärt ferner, woher die Unterschiedlichkeit zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen auf der Erde stammt: Die Geschichte setzt dazu an einer Stelle an, an der die gesamte Menschheit aus einer einzigen Familie besteht – die Familie, die auf Adam und Eva zurückgeht, die Nachfahren von Noah und seinen Söhnen. Sie stellt in der biblischen Überlieferung die gesamte Menschheit dar, vereint durch eine einzige Sprache. Die Familie lässt sich nieder und mit dieser vereinenden Sprache als Brücke und Werkzeug streben sie bald Großen an: Einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel ragt, und ein Monument des Zusammenhalts darstellen soll. 

Doch dieses Vorhaben lässt Gott nicht zu. Stattdessen scheint es sein Wille zu sein, die Menschen auseinanderzutreiben. Und hier stellt sich die Frage „wieso?“ Will Gott nicht Zusammenhalt und Harmonie zwischen Menschen? Gott selbst sagt, dass nichts von ihren Vorhaben unmöglich ist – wieso will Gott statt Gemeinschaft Isolierung, statt Stärke Einsamkeit? Wieso will Gott die Menschen auseinandertreiben? 

Die traditionelle Interpretation dieser Geschichte ist, dass die Sprachverwirrung und die Teilung der Völker die Strafe für die Überheblichkeit der Menschen ist, eine Zurechtweisung derjenigen, die sich anmaßen nicht nur Gottes Ebenbild zu sein, sondern danach streben, Gott selbst zu sein und wie er einen Sitz im Himmel zu haben. In dieser Tradition wird die Erzählung als ein weiterer kollektiver Sündenfall gelesen, der sich nahtlos an die vorigen Verfehlungsgeschichten wie die Verführung Evas im Paradies, Kains Brudermord und Noahs Rausch und Blöße anschließt.  

Ich glaube in dieser Geschichte steckt mehr. Gott ist mehr als das Treiben eines rachsüchtigen Wesens und die Geschichte soll bei uns mehr hervorbringen als ein schlechtes Gewissen. Ich glaube, in der Erzählung wird Gottes schöpferische Absicht einer vielfältigen Menschheit verwirklicht und vervollständigt.Gott beabsichtigt, dass die Menschen sich auf der Erde verbreiten und unterschiedlich entwickeln. Er will nicht nur, dass der Mensch sich vermehrt, sondern er fordert seine Diversität heraus.

Das klingt wie eine gewagte These wirken: Ist das nicht zu viel Interpretation? Lese ich nicht in den Text hinein, was ich dort sehen will? Was veranlasst mich, von der klassischen Interpretation abzuweichen? 

Schauen wir uns den Turmbau einmal genauer an: Im Herzen dieser Geschichte steckt ein Wunder. Gottes Reaktion auf das Handeln der Menschen ist nicht grausam oder blutig. Im Gegensatz zu vielen alttestamentlichen Bibelstellen müssen wir uns hier nicht mit der Theodizee-Frage herumschlagen. Gott entscheidet sich bewusst dagegen, Leben zu nehmen. Er löst das Versprechen ein, dass er nach der Flut mit einem bunten Regenbogen an den Himmel gemalt hat: Das menschliche Leben zu erhalten und sein Heil zu verwirklichen. 

abend, baum, berg

Gottes Entwurf für das Leben ist Vielfalt. Wie können wir dem sicher sein? Mit einem Blick in die Vergangenheit schildert die Bibel, wie Gott in mehreren Schritten gerade diese Vielfalt schafft. Gott erzwingt diese Vielfalt geradezu, obwohl die Menschheit dem widerstrebt. Und ein Blick in die Zukunft verrät uns, dass es Gottes Entwurf vorsieht, diese Vielfalt zu erhalten: In seiner Offenbarung beschreibt Johannes, wie die gesamte Menschheit Gott lobt – er nennt die verschiedenen Völker und deren diverse Sprachen. Die Diversität, die seit Menschheitsbeginn entstanden ist, bleibt auch zu Endzeiten. 

Doch heißt das, dass Gott keine Einheit der Menschheit will? Ist das nicht widersprüchlich? Nein! Gott will Gemeinschaft, Harmonie, Einheit. Er will nur keine Gemeinschaft in Rebellion gegen ihn. 

Gott schuf nicht alle Menschen identisch, sondern er schuf sie gleichwertig und einzigartig. Das Ziel dieser Einzigartigkeit ist Einheit. Einheit, die auf genau diesen komplementären Charakter von Menschen baut. Einheit, die zum Beispiel durch die eheliche Vereinigung von zwei Menschen eine sichtbare Gestalt annimmt. Einheit, die wie Gott selbst sagt, eine Unendlichkeit an Möglichkeiten eröffnet. Gott will Einheit im Geiste unter der überwältigenden Vielfalt an Menschen. Davon zeugt das Wunder von Pfingsten, das die Sprachverwirrung von Babel nach tausenden von Jahren wieder rückgängig macht: Was die ersten Jünger Jesu predigen, das bringt die Menschen zusammen und die Hindernisse zwischen Menschen, die verschiedene Sprachen mit sich bringen, verschwinden durch Gottes Wirken wie von allein. 

Und genau eine solche Einheit bringt uns Jesus Christus. Sein Opfer versöhnt alle Menschen in Gott. Von dieser Einheit berichten die neutestamentlichen Schriften. Gott lädt uns alle ein, denn er will eine Einheit in Christus, eine Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz hat und sich einbringt, wie Glieder an einem Körper mit unterschiedlichen Funktionen, jeder voneinander abhängig und unentbehrlich. Jeder gleichwertig, aber einzigartig.