Ein Blick in die Geschichte

Nach der deutschen Kriegsniederlage im Jahr 1945 begann der Wiederaufbau unter Besatzung der Alliierten in Deutschland. Zur selben Zeit fanden sich Überlebende der bündischen Jugendszene und Angehörige von Pfadfinderverbänden zusammen, um in der evangelischen Jugend ebenfalls einen Neuanfang zu wagen. Auch die Mitglieder der Christlichen Pfadfinderschaft versuchten wieder Kontakt zueinander aufzunehmen. Viele frühere Führungspersönlichkeiten und Mitglieder gefallen, vermisst oder heimatlos. Durch das über 10 Jahre lang geltende Verbote der Jugendgruppen während der nationalsozialisitischen Ära waren die jüngsten der übrigen Mitglieder bereits um die 30 Jahre alt. Weitere Schwierigkeiten waren der Mangel an Geld, Verpflegung, Material und Transport, sowie die Herausforderung, dass auch die Öffentlichkeit und Kirche einer Wiederbelebung des Pfadfindertums nicht überall wohlgesonnen war. Die Zusammenkunft von den den bundesweit verstreuten Pfadfindern, die in den verschiedenen Besatzungszonen lebten,  war so kein leichtes Unterfangen.

Das Späherziel wurde zu dieser Zeit des Umbruchs im Rahmen des Wiederaufbaus der Christlichen Pfadfinderschaft formuliert. Es hat in einigen Formulierungen starke Ähnlichkeit zu den Neudietendorfer Grundsätzen von 1921. Die heutige, uns in der Bundesordnung vorliegende Fassung weicht von dem 1948 durch das Bundesthing verabschiedeten Original an einigen Stellen ab. Ursprünglich lautete das Späherziel wie folgt:

Christliche_Pfadfinderschaft_Deutschlands_–_Arbeitsblätter;_Bundesordnung_für_den_Schnellhefter_–_Vorderseite;_J_III-1

Hier ist eine Gegenüberstellung von dieser Ursprungsfassung und der jetzigen Fassung. Die Abweichungen sind fett gedruckt und die alternative Formulierung jeweils unter dem einzelnen Punkt aufgeführt.

Wir wollen Gottes Willen aus der Bibel kennenlernen und mit allen Kräften danach streben, Christen der Tat zu werden, an Gott gebunden, dem Nächsten zum Dienst.

Wie wollen mit aller evangelischen Jugend danach trachten, treue Glieder der Kirche zu werden.
[heute: aktive]

Wir wollen in froher Jungengemeinschaft leben, in Gehorsam und Zucht.
[heute: Jugendgemeinschaft, uns einordnen und Selbstdisziplin üben]

Wir wollen uns in allen Fertigkeiten üben, die Leib und Geist fördern, und durch Härte und Enthaltsamkeit von allen Rauschmitteln die wahre Lebensfreuden finden.
[heute: eine naturverbundene Lebensweise, Lebensfreude (im Singular)]

Wir ringen um gottgewilltes Reifen zu echtem, reinen Mannestum und kämpfen gegen Schmutz und Schund.
[heute: Wir wollen nach Gottes Willen reifer werden und setzen uns aktiv für die Verwirklichung christlicher Wertvorstellungen ein.]

Wir wollen Ehrfurcht lernen vor allem Lebendigen, der Erde, den Gestirnen und den Lebensgesetzen der Natur als der Schöpfung Gottes.
[heute: Wir wollen Gottes Schöpfung achten und gegen die Zerstörung der Natur eintreten.] 

Wir wollen Treue üben im Kleinen und im Großen und in Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit leben und des anderen Gut und Ehre achten.
[heute: treu sein (…), wirklichkeitsbezogen und ehrlich leben, (…) ]

Wir wollen über alles Trennend hinweg den wahren Wert des Menschen erkennen und andere Völker und ihre Jugend verstehen und achten lernen.

Wir wollen in Liebe zu Heimat und Kultur beides zu erhalten trachten, aller Volksverhetzung wehren und Verantwortung für Volk und Staat an unserem Teil tragenheute: Verbundenheit, Verantwortung für die Gesellschaft mittragen und deshalb Volk und Staat dienen]

Wir wollen die Verbundenheit mit allen Pfadfindern pflegen.

Auffällig ist, dass die Christliche Pfadfinderschaft ursprünglich aus dem CVJM entstand und nicht für Frauen geöffnet war. Dementsprechend sind die Formulierungen sowie die damit verbundenen Ideale nicht geschlechtsneutral, sondern spezifisch „männlich“. In der Bundesordnung stand 1948 beim Auftrag des Verbandes unter anderem „die Erziehung und Führung zu glaubensvoller Männlichkeit“.

In der Bundesordnung, die Ende der 1940 Jahre verabschiedet wurde, steht zum Stand des Späher und zum Ständesystem im Allgemeinen folgendes:

Als Späher können Knappen und Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren aufgenommen werden. Voraussetzung ist der feste Wille, das Späherziel als Lebensordnung zu befolgen. Die Verpflichtung erfolgt durch den Gauführer unter Ablegung des Späherverspruchs:

„Ich kenne die Grundsätze der Christlichen Pfadfinderschaft und will euer Weggenosse sein. Im Vertrauen auf Gottes Beistand will ich ernstlich bestrebt sein, nach diesen Grundsätzen unter euch zu leben, um das Ziel der Christlichen Pfadfinderschaft zu erreichen.“

Sämtlichen Aufnahmen geht eine Aussprache mit dem zu Verpflichtenden voraus. Alle Aufnahmen und Zeichenverleihungen geschehen nur im Einverständnis mit dem Sippen- und Stammesführer oder Bruderschafts-Ältesten.*

Bei den Verpflichtungen wird das Zeichen des jeweiligen Standes verliehen. Sämtliche Zeichen bleiben Eigentum des Bundes.

Zu jedem Stand gehören die entsprechenden Proben, die in der Probenordnung festgelegt sind.

[Anmerkung: *Die Bruderschaft bezeichnet die Gemeinschaft aller Kreuzpfadfinder.]

Die  Proben als Bedingung für die Aufnahmen in den Stand des Spähers waren folgende:

Aufgaben für Jungen und Knappen, die Späher werden wollen
Die Prüfung der Aufgaben geschieht durch den Gauführer oder einen von ihm Beauftragten.

  1. Späherziel und -versprechen.
  2. Geschichte des Pfadfindertums – Wichtigste Daten und Begebenheiten.
  3. Geschichte der Christlichen Pfadfinderschaft – Die wichtigsten Ereignisse in der Entstehung und Entwicklung.
  4. Gottesdienstordnung – Die Gottesdienstordnung der eigenen Gemeinde, ihr Sinn und ihre Bedeutung.
  5. Erste Hilfe – Die fünf Grundvoraussetzungen für Erste Hilfe – Schlagadernetz und Druckpunkte des menschlichen Körpers – Aderpresse anlegen – Erste Behandlung von Schlangen- und Hundebiß – Behandlung von Magen- und Darmkatarrh und Vergiftungen – künstliche Atmung – Behandlung bei Ohnmacht und Hitzschlag – Schienen von Knochenbrüchen – Hilfe bei Einbruch ins Eis.
  6. Kulturkunde – Siedlungsformen bei Dorf und Stadt – Bauformen der Wohnstätten, Werkstätten, Kulturstätten, Kirchen – die bekanntesten Baustile und ihre Merkmale.
  7. Heimatkunde – Karte des Landes unter geographischen, wirtschaftlichen und geschichtlichen Gesichtspunkten zeichnen.
  8. Erkundungsaufgaben – Beobachtung eines Herstellungsganges (in Landwirtschaft, Industrie oder Handel) – Kurzer Bericht über eine Erkundung.
  9. Bürgerkunde – Erklärung des Aufbaus der Orts- und Kreisverwaltung.
  10. Sport – 10 Minuten Körperschule leiten – 5 km Pfadfinderschritt – 20 Minuten schwimmen – Hochsprung in Tracht über 2/3 eigener Körpergröße – Weitsprung mit Stab in Tracht über 4 m breiten Wasserlauf.
  11. Fahrplanlesen.
  12. Fahrtaufgaben – Vorbereitung einer mehrtägigen Fahrt (Entfernung, Landschaft, Industrie) einschließlich Verpflegung und Kosten. – Bericht über eine Fahrt – 1 1/2tägige Fahrt allein oder Nachtfahrt allein.
  13. Aufgaben im Stamm – Fahrtenkasse geführt – Mitverantwortung und Mitarbeit im Stamm.

Für Jungen ab 16 Jahren, die nicht erst Knappe werden.
Außer den Aufgaben für Späher sind folgende Proben und Aufgaben zu erfüllen:
Aus den Neulingsproben 1 und 2
Aus den Jung-Pfadfinderproben: 1, 3, 4, 7

Aus den Aufgaben für Knappen:
1. Bundeskunde – Aufgaben und Bedeutung der Stände des Bundes – Aufgaben des Knappenstandes beim Rittertum des Mittelalters – Der Knappe im Bergbau – Aufgaben des Knappen im Stamm.
3. Gemeindekunde – Die Pfarrer der Gemeinde kennen – Aufbau der Gemeinde (Ämter) – Beschreibung der Ortskirche.
4. Ortskenntnis – Führung zu den wichtigsten Punkten des Wohnbezirktes (Stadt- und Landkreis).
7. Sport – Waldlauf, 2 km in 16 Minuten – Bestleistungen im Speerwurf – Steinstoß – Springen – Schwimmen.
9. Bastelarbeiten – Gebrauchsgegenstände für Heim und Landheim anfertigen – Klingelleitung anlegen. Fahrraf auseinandernehmen und zusammensetzen.
10. Zurechtfinden im Gelände – Himmelsrichtungen ohne Kompaß bestimmen – Karten einnorden – Kartenzeichen kennen – Karten, Skizzen und Beschreibung nach einer Fahrt anfertigen.
14. Kochen – Kochen auf einer Grupenfahrt – Zusammenstellung der Mahlzeichen – Zubereitung und Zutaten (Gewürze usw.)

Es gibt außerdem eine Beschreibung des Spähers in Abgrenzung zum vorigen Stand des Knappen aus den 50er Jahren. Darin wird auf die Bedeutung des Standes und der zu erfüllenden Aufgaben eingegangen:

Der Späher 

Wenn wir schon bei dem Knappen die Aufgaben klarer als früher formuliert und bestimmtere Anforderungen gestellt haben, so gilt das besonders auch bei den Spähern bzw. bei den Jungen, die Späher werden wollen.

Es wird Euch wahrscheinlich auch der eine und andere Junge begegnen, der ganz frisch fröhlich sagt, daß er lieber noch auf die Verpflichtung als Knappe oder Späher verzichtet, weil er angeblich so größere Freiheit habe. Dem ist entgegenzuhalten, daß ihn ja, wenn er bei uns ist, jede Stunde, die er mitmacht, verpflichtet. Es sei denn, er ist ein ausgesprochender Schmarotzer. Er will also nur genießen oder stören, ganz wie es ihm gerade liegt. Viele stutzen dann, wenn wir ihnen die Sache so klarmachen. Das Versprechen ist im Grunde nur das fällige „Ja“, wenn er nicht inzwischen aus unserer Gemeinschaft ausscheidet. Die eine oder andere Entscheidung gibt es nur. Das gleiche gilt auch von den Aufgaben. Hier folgert sich eine aus der andern und aus unserer Haltung und Stellung als Pfadfinder. Man muß dann schon letzteres aufgaben, also nicht mehr Pfadfinder sein wollen.

Worin unterscheidet sich nun Knappe von Späher? Ich würde meinen zuerst einmal darin, daß beim Knappe vor allem der Wille angesprochen und gefestigt wird, und er in jeder Hinsicht als Pfadfinder Lernender, Aufnehmender und Entdecker ist. Dem entspricht ja auch der Name Knappe. Beim Späher würde ich das Schwergewicht beim Spähen sehen, d.h., daß er anfängt die Dinge zu untersuchen, dahinter zu schauen, die Zusammenhänge zu sehen und darum auch über die Gemeinschaft der Sippe und des Stammes schon stärker hinausschaut. Zunächst beginnt es mit einer stärkeren Erkenntnis bzw. Frage unserer Formen und Ordnungen im Blick auf ihre Echtheit und ihre Bedeutung für sie jetzt. Dazu gehört dann auch die Frage nach unserem Zusammenhang mit der Familie, Heimat, Volk und Kirche. Auch unsere geschichtliche Beziehung ist wichtig. Auf all diese Dinge ist in den Aufgaben für den, der Späher werden will, gesehen. Auch hier erwarten wir sehr viel eigene Arbeit und legen auf eigene Gestaltung denselben großen Wert. 

Außerdem wird ein weiterer Punkt angeführt, der Bestandteil des Spähertums ist: Die Fahrt.

Die Entdeckung der Fahrt ist eine besondere Aufgabe der Späher, darum ist die Alleinfahrt bei Tag oder Nacht mit eine Vorbedingung für die Aufnahme.

Vor der Aufnahme in den neuen Stand hat eine Abnahme der Aufgaben stattgefunden, d.h. eine Art Prüfung, die jedoch nicht den Vorbildern von Schule und Beruf folgen sollte. Hinsichtlich dieser Abnahme wird zu den Proben folgendes formuliert:

Nun wird wahrscheinlich längst bei einigen Führern das Seufzen über die vielen und vielerlei Proben und Aufgaben angeschwollen sein. So schlimm ist es aber in einer wirklich arbeitenden Gemeinschaft und bei rechten Jungen nicht. Einmal verteilt es sich auf viele Jahre, zum anderen wird ja auch ein ganz Teil des Stoffes in den Heimstunden und auf Fahrt und Lager erarbeitet und erlebt.


Wenn man sich mit den Texten der Nachkriegszeit auseinander setzt, lässt sich viel Kontinuität zum unserem heutigen Ständesystem erkennen. Bereits in den späten 40er Jahren war bei den Spähern ein System etabliert, das als Voraussetzung der Aufnahme sah:

  • Die Erfüllung der Späherproben sowie die Übernahme von Verantwortung in Sippe, Stamm und Gau
  • Die (Allein-)Fahrt [Späherlauf]
  • Die Aussprache [Spähergespräch]
  • Die Verpflichtung [Ablegen des  Versprechens]und die Überreichung des Zeichens [Spähernadel] im Rahmen der Aufnahme

Fallen dir noch mehr Gemeinsamkeiten auf? Was sind wesentliche Unterschiede?

Was bedeutet das für dein Verständnis des Spähers?