Diese Andacht wurde im Rahmen der Späheraufnahmen auf dem Pfingstlager 2016 mit dem Motto „Geschichten“ gehalten und orientierte sich an den im Vorfeld geführten Spähergesprächen, in denen das Thema christliche Nachfolge zentral war.
Der britische Schriftsteller Clive Staples Lewis war lange Zeit ein vehementer Atheist und Gegner der christlichen Religion. Durch sein Studium der Philosophie und persönliche Beschäftigung wurde er zunächst Deist, später Theist. Seine Auseinandersetzung und schließlich eine lange nächtliche Diskussion mit Herr der Ringe Autor Tolkien brachte ihn auf die Knie und in die Kirche.
Während dem Zweiten Weltkrieg schrieb er eine Reihe von Aufsätzen, die übers BBC Radio übertragen wurden mit dem Namen Mere Christianity (Christentum schlechthin). Darin sprach er Menschen, deren Alltag von Not und Leid geprägt wurde, Trost und Hoffnung zu, die er aus seinen Erfahrungen mit Gott zog.
Doch C. S. Lewis war kein Prediger : Er war ein Schriftsteller und vor allem Geschichtenerzähler. Sein Vorbild dabei war Jesus selbst, der Geschichten aus dem Alltag als Vergleiche nutzte, um Menschen Gott und sein Wirken näherzubringen.
Besonders bekannt geworden ist C. S. Lewis aufgrund seiner Fantasyreihe Die Chroniken von Narnia, deren Intention es auch war, die gute Nachricht, das Evangelium, Menschen und besonders Kindern verständlich zu machen.
Das erste Buch Der König von Narnia erzählt von vier Geschwistern, die durch Zufall durch einen Wandschrank in das geheimnisvolle Land Narnia gelingen. Dort treffen sie auf Fabelwesen, Märchenfiguren und sprechende Tiere. Allerdings wird das Land durch eine böse weiße Hexe Jadis beherrscht, die Narnia seit 100 Jahren im tiefsten Winter festhält und alle Einwohner, die sich ihr entgegensetzen in Stein verwandelt.
Die vier Kinder werden von freundlichen Wesen aufgenommen, die heimlich Widerstand leisten. Sie werden mit Aslan wieder vereint, dem wahren König von Narnia, der in Form eines majestätischen Löwens erscheint. Die anderen ihm treuen Geschöpf versammeln sich ebenfalls dort und machen sich kriegsbereit. Einer der zwei Jungen wird von der weißen Hexe gefangen genommen. Aslan gibt sich sein eigenes Leben, damit er befreit wird. Der zurückgelassene Körper verschwindet. Als unschuldiges Opfer kehrt er aus dem Totenreich zurück. Er befreit die gefangenen Wesen und besiegt die Hexe. Den vier Kindern überlassen die Herrschaft über Narnia.
Das zweite Buch Prinz Kaspian erzählt die Geschichte von der Rückkehr der Kinder nach Narnia, nachdem sie ein Jahr lang wieder ihr früheres Leben gelebt hatten. In Narnia sind währenddessen 1300 Jahre vergangen. Eine der vier, Lucy, hat Träume vom alten Narnia, als alle Tiere im Wald noch freundlich waren und sprechen konnten. Sie sieht Aslan – doch die anderen glauben ihr nicht. Hier ein Ausschnitt von der Begegnung mit Aslan:
Lucy erwachte aus dem tiefsten Schlaf, den man sich nur denken kann, und hatte das Gefühl, dass die liebste Stimme, die sie kannte, ihren Namen gerufen hatte. Zuerst dachte sie, es sei ihres Vaters Stimme; dann meinte sie, es könnte Peters Stimme gewesen sein, aber das passte nicht. Sie wollte nicht aufstehen – nicht etwa, weil sie noch müde war, im Gegenteil, sie fühlte sich wundervoll ausgeruht, ihr war ungemein behaglich zumute. Sie blickte gerade auf zu dem Mond Narnias, der viel größer als unserer ist, und in den sternenübersäten Himmel, denn der Platz, auf dem die Kinder lagerten, war recht frei. „Lucy“, ertönte wiederum der Ruf, und es war weder ihres Vaters noch Peters Stimme. Sie setzte sich hoch und zitterte vor Aufregung, nicht aus Furcht. Der Mond schien so hell, daß die ganze Waldlandschaft um sie herum fast so klar wie am Tag war, wenn sie auch wilder aussah. Gerade vor sich hatte sie eine freie Grasfläche, und einen Bogenschuß weiter fort öffnete sich eine Lichtung in den Bäumen.
Mit wild klopfendem Herzen erhob sie sich und ging zu ihnen hinüber. Es rauschte in der Lichtung, so wie es Bäume im starken Wind tun; dabei war es an diesem Abend gar nicht windig. Und außerdem war es kein gewöhnliches Baumrauschen. Lucy spürte, es lag eine Melodie darin. Ihre Füße hätten gern getanzt, als sie näher kam. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, die Bäume bewegten sich wirklich – gegeneinander und voneinander fort wie bei einem schwerfälligen, ländlichen Tanz.
Jetzt war sie fast zwischen ihnen. Der erste Baum, den sie näher betrachtete, schien auf den ersten Blick gar kein Baum, sondern ein mächtiger Mann mit zottigem Bart und dicken Haarbüscheln zu sein. Ebenso war es mit allen anderen Bäumen, auf die ihr Blick fiel. Sie zeigten Formen, wie die Baumleute sie annehmen, wenn ein guter Zauber sie zu vollem Leben erweckt; im nächsten wirkten sie alle wieder wie Bäume.
Allmählich gelangte sie durch sie hindurch. Die Bäume bildeten um eine freie Mitte einen Kreis, und Lucy trat aus dem wechselnden Durcheinander hübscher Lichter und Schatten in diesen Kreis hinein. Ihre Augen ruhten auf dem runden Grasplatz und dann – o Freude! Dort stand er, der riesige Löwe. Weiß schien er im Mondlicht, und große, schwarze Schatten warf er unter sich. Hätte er nicht den Schwanz bewegt, man hätte meinen können, es sei ein steinerner Löwe. Aber so dachte Lucy nicht. Sie dachte nicht einmal darüber nach, ob es ein freundlicher Löwe sei oder nicht. Sie rannte auf ihn zu. Ihr Herz – das fühlte sie – würde bersten, wenn sie nur einen Augenblick versäumte. Und alles, was sie dann wusste, war, dass sie ihn küsste, dass sie ihre Arme, soweit es nur möglich war, um seinen Nacken schlang und dass sie ihr Gesicht in der wundervollen, mächtigen Seidenweiche seiner Mähne verbarg. „Aslan, Aslan. Lieber Aslan“, schluchzte Lucy. „Endlich!“ Das große Tier rollte sich auf eine Seite, so dass Lucy halb sitzend und halb liegend zwischen seine Vordertatzen fiel. Er beugte sich vor und berührte ganz leicht ihre Nase mit seiner Zunge. Sein warmer Atem hüllte sie ein. Sie schaute in das große, kluge Antlitz.
„Willkommen, Kind“, sagte er. „Aslan“, sagte Lucy, „du bist größer geworden.“
„Das kommt dir nur so vor, weil du älter bist, mein Kleines“, antwortete er.
„Nicht, weil du größer bist?“
„Das bin ich nicht. Aber du wirst mich mit jedem Jahr, das du älter wirst, größer finden.“
Eine Zeitlang war sie so glücklich, dass sie gar nicht sprechen mochte. Aber Aslan redete: „Lucy, wir dürfen hier nicht lange liegenbleiben. Du hast noch viel zu tun, und heute ist viel Zeit verloren worden.“
„Ja, war es nicht schändlich?“ fragte Lucy. „Ich sah dich doch. Sie glaubten mir nicht. Sie sind alle so…“ Tief aus Aslans Körper kam die leise Andeutung eines Knurrens. „Verzeih, bitte“, sagte Lucy, die etwas von seiner Stimmung verstand. „Ich wollte die anderen nicht schlechtmachen. Aber es war doch nicht meine Schuld, nicht wahr?“ Der Löwe blickte ihr gerade in die Augen. „Oh, Aslan“, beschwor ihn Lucy, »du denkst doch nicht etwa, es war mein Fehler? Wie konnte ich – ich konnte doch nicht die anderen verlassen und allein zu dir heraufkommen, nicht wahr? Schau mich nicht so an – na ja, vielleicht hätte ich es doch gekonnt. Ja, und ich wäre auch nicht allein gewesen, das weiß ich – nicht, solange ich bei dir gewesen wäre. Aber was hätte es genützt?“ Aslan antwortete nichts. „Du meinst“, fuhr Lucy kläglich fort, „alles wäre gut ausgegangen – irgendwie? Aber wie? Bitte, Aslan, soll ich es nicht erfahren?“
„Etwas erfahren, was sich ereignet hätte, Kind?“ sagte Aslan. „Nein, das erfährt niemals jemand.“ Aber jeder kann erkennen, was sich ereignen wird“, sagte Aslan. „Wenn du zu den anderen zurückgehst, sie aufweckst, ihnen berichtest, daß du mich wiedergesehen hast, und ihnen sagst, sie alle müssten sich sofort erheben und mir folgen – was wird dann geschehen? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.“
„Ist es das etwa, was ich jetzt tun soll?“
„Ja, mein Kleines“, erwiderte Aslan.
„Werden die anderen dich auch sehen?“ fragte Lucy.
„Keinesfalls sofort“, antwortete Aslan. „Vielleicht später, das mag sein.“
„Aber sie werden mir nicht glauben“, klagte Lucy. „Und ich war so froh, dich wiederzusehen. Und ich glaubte, ich dürfte bei dir bleiben. Und ich dachte, du kommst brüllend an und schlägst alle Feinde in die Flucht – wie damals. Und jetzt wird alles so schrecklich.“
„Es ist schwer für dich, Kleines“, sagte Aslan. Lucy verbarg ihren Kopf in seiner Mähne, aber in seiner Mähne muss Zauber gewesen sein. Sie fühlte, wie Löwenstärke in sie hineinströmte. Ganz plötzlich setzte sie sich auf. „Es tut mir leid, Aslan“, sagte sie. „Jetzt bin ich bereit.“
„Jetzt bist du wie eine Löwin“, meinte Aslan. „Hier werde ich warten. Geh, weck die anderen und fordere sie auf, dir zu folgen. Wollen sie es nicht, so mußt wenigstens du allein mir folgen.“
In diesen wenigen Seiten erfahren wir einiges darüber, was Nachfolge heißt : Aslan offenbart sich Lucy mehrfach, spricht sie auf unterschiedliche Weise an, bis wir bereit sind zu folgen. Es ist letztlich ihre Entscheidung, ob sie auf Aslan oder ihre Geschwister hört. Doch für alles, was sie tut, muss sie die Verantwortung übernehmen. Sie kann versuchen, andere von ihrer Sicht, ihrem Weg überzeugen, doch jeder muss seinen eigenen Weg gehen, manchmal dabei auch Umwege in Kauf nehmen.
Das Thema Folge ist auch für uns bei den Pfadfindern zentral : Die Präambel zum Pfadfindergesetz lautet Der Christliche Pfadfinder richtet sein Leben aus nach seinem Herrn Jesus Christus. Das bedeutet, dass der christliche Pfadfinder in der Nachfolge Jesu steht.
In der Bibel gibt es viele Geschichten zum Thema Nachfolge. Am eindrücklichsten finde ich persönlich die älteste Überlieferung der Petrusberufung, der im Markusevangelium nur einige Verse gewidmet werden. Ein kurzer Bericht besagt, dass Jesus einige Fischer anspricht : „Folgt mir nach !“ Die Fischer lassen alles stehen und liegen, um sich dem Unbekannten anzuschließen.
Ich finde diese Erzählung beeindruckend: Alles stehen und liegen lassen, das kann ich mir nicht vorstellen – das macht mir Angst. Wenn ich mich auf Reisen begebe, dann habe ich dennoch meine Freunde und Familie zu hause, etwas zu dem ich zurückkehren kann. Ich bin versichert und habe eine Kreditkarte im Portemonnaie. Ich habe einen Plan, wohin ich gehe, wie lange, was ich dort tue. Ich kann mir nicht vorstellen, von jetzt auf morgen in ein ganz neues Leben aufzubrechen, so wie auch Lucy und ihre Geschwister.
Und dennoch fordert Gott uns dazu auf, andere Wege zu gehen, mit ihm durchs Leben zu gehen, Prioritäten zu ändern, das Gewohnte zu verlassen, so wie Aslan Lucy dazu auffordert, sich einer unbekannten Zukunft zu stellen. Ein Weg mit Gott ist nicht automatisch auch ohne Herausforderung oder Leid. Der Apostel Paulus schreibt viel darüber, dass wir unser eigenes Kreuz auf uns nehmen müssen.
Gott zu folgen heißt: Dazu bereit sein, aufzustehen und loszuziehen, wenn Gott uns ruft. Die Sachen loszulassen, die uns von diesem Weg abhalten, meine eigene Unsicherheit oder meinen Egoismus loslassen. Stattdessen Platz machen, was wirklich wichtig ist und Verantwortung für mich sowie meine Mitmenschen übernehmen. Offen sein für die Wunder, die mir begegnen, wie die tanzenden Bäume in den Wäldern Narnias. Bereit sein, Herausforderungen zu begegnen im Wissen, dass auch ein Löwe an meiner Seite steht.
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